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Ein Tag im Leben des Bikers J. aus H.

e-mpuls.de: Deutsche Erstveröffentlichung
Ein abgeschlossener Online-Kurzroman für Mountain-Biker
Autor: JayKay, 06.06.1994

Keine Frage. Gestern hatte mir das Leben wieder einen dieser rabenschwarzen Tage beschert, an denen auch wirklich alles daneben geht. Zumindest hat mir die eingefangene Erkältung eine Woche Sonderurlaub und somit genügend Zeit verschafft, jetzt diesen Erfahrungsbericht zu schreiben. Hoffentlich bleibt Ihnen gleiches erspart.
Aber ich will von vorne erzählen:

Das lästige Gefiepe des elektronischen Weckers riß mich aus meinen Träumen. Ein Blick darauf bestätigte mir, daß ich vergessen hatte, das Wecksignal abzuschalten. Viertel nach sechs und das am Sonntag morgen. Brummend warf ich mich auf die andere Seite und riß dabei mit der Bettdecke die Nachttischleuchte um. Das Scheppern weckte natürlich meine beiden Kanarienvögel und keine zwei Minuten später half auch mein dickes Kopfkissen nicht mehr, das fröhliche und lautstarke Gezwitscher abzudämmen. Es half nichts, ich mußte wohl aufstehen.

Das Wetter versprach wieder gut zu werden. Schon die ganze Woche hatte mir die Sonne das Büro auf Backofentemperatur erhitzt. Entsprechend erstickte mich mein Chef fast in Schreibkram, so daß ich gezwungen war, Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Der Traum von der Feierabendtour verschob sich dadurch bis zum Wochenende. Heute endlich wollte ich los. Wohin war egal. Eine Tour mit einigen knackigen Anstiegen und schnellen, staubigen Downhills auf breiten Schotterpisten wäre genau richtig, um meinen Seelenfrieden wiederzufinden. Das Sauerland bot dazu Möglichkeiten und Wege genug. Also rein in die Bikeklamotten, schnell noch eine Schale Müsli reingestopft und in die Garage gesaust.

Dort in der Ecke stand mein Bike. Ein zeitlos schwarz glänzender Aluminiumrahmen, titanglitzernde Tuningparts und gelbe Accessoires - so hätte es aussehen müssen. Indes der Schlammklumpen, der da vor mir stand, hätte auch ein 50er-Jahre-Drahtesel sein können, der soeben aus dem Dorfteich geborgen worden war. Mit dieser Dreckschleuder vorbei an den geleckten Vorgärten meiner Nachbarn, die jeden Grashalm einzeln frisierten? Das hinterläßt keinen "sauberen" Eindruck. Außerdem verstecken sich technische Defekte gern unter der Schlammkruste. Tja, dann also erst die Arbeit. Ich schob das Bike nach vorne und spritzte es mit dem Gartenschlauch ab. Die braune Soße lief herunter und floß nun in der Gosse dem nächsten Gulli entgegen. Anschließend nur noch abtrocknen, Lager und Kette nachfetten, Luftdruck der Reifen und der Federgabel prüfen, die quietschende Hinterradbremse einstellen - und schon war es wieder eine Stunde später.

Endlich konnte ich los. Ich knallte das Garagentor zu, sprang auf, ließ die Systempedale einklicken und trat volle Pulle in dieselben. Ich war echt gut drauf und erklomm den ersten Hügel ohne langsamer zu werden. Ein Powerslide in die nächste Seitenstraße und geschickt die Absenkungen des Bordsteins an den Grundstückseinfahrten zum Springen genutzt. Keine 30 Meter weiter wäre es dann fast passiert. Ich sah noch schemenhaft die Bewegung in dem dicken Benz vor mir, da sprang auch schon die Tür auf. Nur zwei Meter vor mir war es zum Bremsen längst zu spät. In Panik verriß ich den Lenker und blieb zusätzlich mit der Pedale an der Türkante hängen. Der Aufschlag war bitter. Benommen rappelte ich mich hoch, einen Moment lang unfähig klar geradeaus zu sehen und dem fetten Mittsechziger, der da wild gestikulierend vor mir schwankte, die verdiente verbale Breitseite zu verpassen. Das erste was ich wieder mitbekam, nachdem ich mein angekratztes, aber sonst unbeschädigtes Bike begutachtet hatte, war dieser typische Spruch "... ich habe Sie wirklich nicht kommen sehen !". Klar, er hatte die Tür aufgestoßen, ohne auch nur in den Rückspiegel zu schauen. Da konnte er mich logischerweise auch nicht sehen. Als Dank für meinen schmerzenden Ellenbogen und die fehlende Entschuldigung trat ich dem Opa zum Abschied lieber eine Beule in den polierten Kotflügel und setzte mich durch einen schmalen Fußweg ab. Damit erübrigte sich jede überflüssige Diskussion und ich brauchte nicht wieder stundenlang den Ärger in mich reinzufressen.

Um das Risiko weiterer Kontakte mit Autotüren und Scheintoten zu vermindern, blieb mir nur eine Lösung : runter vom Asphalt. Rechterhand gab es einen holprigen Feldweg, der hinter den Häusern in Richtung Waldrand führte. Ich passierte gerade das letzte Haus, da erscholl ein vielstimmiges Gekläffe im angrenzenden Garten. Himmel nochmal, das Grundstück mußte diesem Dackelzüchter gehören. Ich war sonst immer auf der anderen Seite vorbeigefahren. Dort im Vorgarten stand ein geschnitztes Holzschild mit der Aufschrift: Teckelzwinger von der Raufbude. Dummerweise besaß die Raufbude auf dieser Seite nur eine löchrige Hecke, aber keinen Zaun. Mir schwante Schlimmes. Vor allen Dingen wußte ich nicht, wie schnell ein Dackel laufen kann. So versuchte ich mich erstmal an der Hecke vorbei zu mogeln, in der Hoffnung, daß diese auch für die netten Tierchen die Reviergrenze darstellte. Aber es war mal wieder wie im richtigen Leben. Fünf Meter hinter mir schoß der erste Dackel durch die Hecke. Ein bildschönes Tier, dank Chappi. Glänzendes Fell, kurze kraftvolle Beine und ein weißes, messerscharfes Gebiß. Sicher ein hochprämierter Rassesieger, mit ungebrochenem Jagdinstinkt. Und ich war das ideale Opfer!

Schon folgte die restliche Meute. Bloß weg hier war mein einziger Gedanke und ich trat rein wie nie zuvor. Aber der Weg war übersät mit grobem Schotter und Schlaglöchern. Dreißig Meter weiter schlug die Kette hoch und verklemmte sich vorne. Schon tauchte die erste Bestie knurrend und kläffend neben mir auf und schnappte freudig nach meiner Wade. Noch fünf Meter, dann hatten sie mich gestellt. Ich bremste ab und versuchte das Bike zwischen mich und den Feind zu bringen, so wie ich es in einem gutgemeinten Artikel über das Thema Biker und Hunde mal gelesen hatte. Ein absolut aussichtsloses Unterfangen. In dem Artikel war nur von einem Hund die Rede gewesen. Hier hatte ich mit einer wie tollwütig rasenden Meute von etwa 10 Tieren zu kämpfen. In dem wirbelnden Durcheinander, das ununterbrochen kläffte und knurrte, konnte ich sie nicht genauer zählen. Es sollte auch niemand behaupten, die Viecher wären dumm. Wenn ich das Bike vor sie hinstellte, schnappten zwei oder drei durch die Lücke zwischen den Rädern und der Rest lief sofort außen herum, um mich von hinten zu attackieren. Ich schrie, fluchte und trat nach den Viechern so gut ich nur konnte, ohne dadurch aber auch nur einen Einzigen zu erwischen. Schon nagte einer an meinem Schuh. Endlich nach drei Stunden ( die Sekunden dehnen sich in diesen Situationen immer zu Minuten ) hörte ich durch das Gekläff eine Stimme, die da rief: " Keine Angst, die wollen nur spielen. Die tun nichts !" Angesichts der Tatsache das mein Spieltrieb durch das Rumspringen und -treten vollends befriedigt war, bat ich Herrchen, er möge doch so freundlich sein und seine Tiere zurückrufen. (Den genauen Wortlaut möchte ich hier lieber nicht wiederholen). Das tat er dann auch und die Dackel verschwanden widerwillig und nicht ohne das Opfer jeder noch einmal kräftig anzuknurren, hinter der Hecke.

Ich war vollkommen fertig. Mit zitternden Fingern zerrte ich die Kette wieder auf das kleine Blatt und wäre beim Anfahren fast noch umgekippt. Eins war mir klar; diesen Weg war ich heute das erste und letzte Mal in meinem Leben gefahren. Erst mal ´ne kurze Pause, dachte ich mir und fuhr noch die verbliebenen Meter bis in den Schatten der ersten Baumkronen. Dort lehnte ich das Bike an einen Stamm. Nebenan auf der Wiese lagen einige Schwarz-Bunte, die gelassen wiederkäuten. Ich setzte mich auf einen Grasflecken und griff hinter mich zum Flaschenhalter. Den hielt ich dann auch in der Hand, aber leider keine Trinkflasche. Da war nämlich keine. In der morgendlichen Eile hatte ich natürlich wieder das Wichtigste vergessen. Etwas Geld hatte ich zwar dabei, aber im Wald steht kein Kiosk. Das konnte ja heiter werden. Vielleicht ein Schlückchen aus einem klaren Bach, überlegte ich. Wenn dieser jedoch nur 500 Meter oberhalb an einer Jauchegrube vorbeigeflossen war oder schon für eine Forellenzucht genutzt wurde? Die Aussicht auf eine Woche Durchfall erschien mir zum jetzigen Zeitpunkt noch schwerwiegender, als das bißchen Durst.

Ich wollte mich gerade im Gras ausstrecken, da stach mich etwas am Hals. Ich fuhr hoch, schlug aber daneben. Diese Sch...-Stechfliegen machten wohl einen Abstecher von den Kühen zu mir herüber. Bis ich mir das Bike gegriffen und aufgesprungen war, schwirrten schon drei oder vier von den lästigen Viechern um meine Ohren. Einfach losfahren und abhängen? Auf gerader Strecke kein Problem, aber beim Mountain-Biken sieht das stellenweise anders aus, weil man an steilen Anstiegen in den kleinen Gängen nur mit Schneckentempo fährt. Ich hatte also meine liebe Mühe und Not die Wolke loszuwerden.

Weiter oben war plötzlich der Weg blockiert. Einer dieser tannengrünen Geländewagen mit DJV-Aufkleber parkte neben einem Hochsitz, von dem aus eine Schonung auf der rechten Hangseite zu überblicken war. An der Kiste war fast nicht vorbeizukommen. Rechts stand das sperrige Gerüst des Hochsitzes und links erhob sich eine steile Böschung, die mit niedrigem Gestrüpp bewachsen war. Leicht unmutig stieg ich ab und schulterte das Bike, um besser zwischen Böschung und den BF Goodrich-Breitwalzen durchzukommen. " Ja das ist ja wohl die Höhe", bellte es so plötzlich von oben, daß ich mich erschrak und mit dem Vorderreifen den Außenspiegel touchierte. " Erst verscheucht er mir das Wild und jetzt trampelt er auch noch die Böschung kaputt." Bevor ich antworten konnte, mußte ich erstmal den Spiegel aus den Speichen befreien und setzte das Bike dann vor dem Auto ab. Oben in der Türöffnung der Minihütte stand ein typischer Vertreter der "grünen Zunft". Grüne Kniebundhose, grüne Lodenjacke, grüner Filzhut mit grü...- äh blauen Häherfedern an der Seite, aber glücklicherweise keine Flinte in der Hand. Ich war mir sicher, daß der freundliche Herr dort oben jetzt überhaupt nicht auf der Jagd war, sondern wahrscheinlich nur "sein" Revier kontrollierte und antwortete ihm betont ruhig, daß, wenn er sein Revier mit dem Rad anstatt mit dem Panzer abfahren würde, seine Hirsche sicherlich glücklicher wären und ich mich nicht durch die Brombeeren zu quälen bräuchte. Ich hätte ihn auch auf das Gröbste beleidigen können, seine Reaktion war dieselbe. Er schwoll puterrot an und platzte. Bevor er herunterklettern und über mich herfallen konnte, zog ich es vor weiterzufahren.

Bis zum "Gipfel" waren es noch einige Höhenmeter, also ließ ich es ruhig angehen. D.h. ich wollte es. Einige Meter weiter sah ich einen fremden Biker einen anderen Weg von unten heraufstrampeln. Wenn der so weiterfuhr, würden wir uns an der nächsten Wegkreuzung treffen. Normalerweise nichts dagegen einzuwenden, aber der da zappelte in Jeans! auf einem billigen Kaufhausbike herum, das sah ich schon an der tonnenschweren Zusatzausstattung. Schutzbleche, Dynamolichtanlage, Gepäckträger, 2 kg-Bügelschloß, Dutzende von Reflektoren und was sonst noch alles klappern und kaputtgehen konnte. Mit so einem konnte ich mich weder sehen lassen, noch traute ich ihm zu, daß er mit mir mithalten konnte. Ich wartete also etwas und gab dann Stoff, um ihn an der Wegkreuzung zu überraschen und kurz und schmerzlos stehen zu lassen. Aber der Schlaumeier hatte mich schon bemerkt, sah jetzt, daß ich beschleunigte und schaffte es tatsächlich mir an der Kreuzung den Weg abzuschneiden. So hatte ich ihn plötzlich vor mir und mußte scharf anbremsen, um nicht aufzufahren. Er blickte sich nicht einmal um, sondern wurde wieder langsamer. Ich vermutete ein schadenfrohes Grinsen auf seinem Gesicht. Im Wiegetritt beförderte er direkt vor mir seine scheppernde Wasserrohrkarre den Berg hinauf und ich sollte mir den Lärm anhören ? So ging´s nicht. Der sollte mich kennenlernen.

Ich trat voll an, um ihn meinen Staub schmecken zu lassen. Der etwa drei Meter breite Weg besaß an dieser Stelle zwei Fahrspuren mit einem grasbewachsenen Mittelstreifen und stieg bis oben nicht nur kontinuierlich an, sondern wurde auch zunehmend steiler. Die unbewachsenen Fahrspuren des Wegs waren, leider zu meinem Nachteil, in einem sehr unterschiedlichen Zustand. Die rechte Spur war feingeschottert und relativ glatt, während die Linke sich bei Regenfällen in ein Bachbett zu verwandeln schien. Ich hatte dadurch eine stellenweise fußtiefe Rille vor mir, die auch noch mit grobem Schotter gefüllt war. War natürlich klar, daß der Typ sich auf der guten Spur hielt und ich, als ich nun an ihm vorbeiwollte, durch die Rinne fahren mußte. In dem losen Schotter verlor das Hinterrad sofort an Traktion und all meine Energie löste sich in kleine Staubwölkchen und davonspritzende Steine auf. Nachgeben war nicht drin, aber für den Anderen gab es nichts Leichteres, als wieder gleich zu ziehen. So kam es, wie es kommen mußte. Wir fuhren etwa eine Minute nebeneinander her und ich verausgabte mich vollständig, ohne auch nur den Hauch eines Vorsprungs herausfahren zu können. Dann hatte er ein "Einsehen", trat locker an und entschwand klappernd hinter der nächsten Wegbiegung. Mir dagegen hing die Zunge bis zum Bauchnabel. Als ich dann einlenkte, um endlich aus dieser verfluchten Rinne herauszukommen, rutschte das Vorderrad an der Kante ab und ich legte mich zu allem Übel auch noch auf die Seite.

Ich war so fertig, daß ich einfach liegenblieb und mich erst wieder hochstemmte, als der Sternenhimmel vor meinen Augen wieder verblasste. Nach nur 30 Metern war ich dann endlich oben. Hier war der Weg auch wieder in Ordnung. Hätte ich nur bis hier durchgehalten. Vielleicht lag es an der schwülen Luft, daß ich schlapp gemacht hatte. Von dem Klapperradbiker war nun nichts mehr zu hören. Vor mir lag jetzt ein ganz heißer Downhill. Ich war diesen Weg schon zweimal zuvor gefahren, kam aber immer aus der entgegengesetzten Richtung den Berg herauf. Die Abfahrt diesen Weg hinunter versprach nicht nur sehr schnell zu werden, sondern bot auch einige fahrtechnische Leckerbissen. Es gab einige tiefe Entwässerungsrinnen und Bodenwellen im schnellen Teil. Unten verengte sich der Weg zum Single-Trail und führte über mehrere meterhohe runde Buckel. Wie diese entstanden waren war mir vollkommen unklar, aber sie würden für das richtige "Feeling" sorgen. Nach zwei scharfen Kehrtkurven kam man dann wieder auf den Hauptweg im Tal. Alles in allem konnte ich fast 280 Höhenmeter vernichten. Das versprach Fun pur. Ich zog den Reißverschluß des Trikots hoch, stellte die Maximalgeschwindigkeitsanzeige des Bike-Computers auf Null und rollte los.

Sechs Sekunden später hatte ich schon den größten Gang drin und kam kaum noch mit dem Treten nach. Super. Die Schotterkurven des Wegs wurden mit einem Mal verdammt eng. Ich mußte sie schon stark anschneiden, um nicht hinausgetragen zu werden. Vor der nächsten Kurve bremste ich lieber kurz an und kam soeben noch an einer kleinen Gruppe rotkarierter Hemdenträger vorbei, die ich in einer Staubwolke stehen ließ. Einer rief mir etwas nach und schwang den obligatorischen, mit kleinen, bunten Blechschildchen verzierten Stock, aber ich mußte mich auf die vor mir liegenden Rinnen konzentrieren. Die erste hatte ich wegen der Wanderer schon übersehen und war voll hineingefahren, so daß es mir fast den Lenker aus den Händen gerissen hätte. Glücklicherweise fing die Federgabel das Gröbste ab. Die anderen Rinnen und Wellen übersprang ich locker mit Bunny-Hops, fand dadurch aber keine Zeit mehr die Bremsen zu betätigen. Kurz vor der Einfahrt in den Single-Trail wurde es dafür höchste Zeit, sonst schoß ich womöglich frontal gegen einen Baum. Beim Anbremsen konnte ich das nervös herumschleudernde Heck soeben noch einfangen. Die Buckel boten tatsächlich ein Gefühl, wie auf der Achterbahn. Ich mußte allerdings vorsichtig sein. Falls der Bodenkontakt abriß, würde ich vor den nächsten Buckel knallen, wie ein Motocrosser, der sich mit der Sprungweite verschätzt hatte. Unten bog ich dann mit einem gekonnten Drift wieder auf den Hauptweg ein und konnte noch mal richtig Druck machen. 48 km/h... 52 km/h... 53 km/h zeigte der Computer an.

Dann kam die letzte Wegbiegung. Der Schotter spritzte zur Seite. Plötzlich tauchte keine 10 Meter vor mir dieser verdammte rot-weiße Balken auf. " Zu schnell !" schoß es mir durch den Kopf. In Panik ging ich in die Eisen und schleuderte irgendwie auf die Lücke an der linken Schrankenseite zu. Mit einem Ruck blieb der Lenker irgendwo hängen und ich segelte im Freiflug in den dahinterliegenden Graben. Zum Glück bremste ein dichter Ginsterbusch den Aufprall. Das Bike purzelte noch drei Meter weiter und blieb mit verdrehtem Vorbau im Graben liegen. Junge, das hätte ins Auge gehen können. Mein rechtes Knie schmerzte. Als ich nachschaute rann ein dünner Blutstreifen über das Schienbein nach unten. Es war glücklicherweise nur ein kleiner Kratzer. Diese Mistschranke war so neu, daß der Lack noch sauber glänzte. Kein Wunder also, daß sie mir vorher nie aufgefallen war. Das verzinkte Rohr daneben, an dem ich mir fast den Lenker abgerissen hätte, hielt ein Schild mit der Aufschrift "Feuerwehrzufahrt - Bitte freihalten". Ich hob das lädierte Bike auf und drehte den Vorbau wieder gerade.

Ich wollte mich schon freuen, daß ihm sonst nichts passiert war, da bemerkte ich ein leises Zischen am Hinterrad. Der Reifen war schon fast drucklos. Na toll. Noch ´ne Stunde Zwangspause. Ich schob das Bike bis zu einem in der Nähe vorbeifließenden Bach und nahm das Hinterrad heraus. Für den Platten war bestimmt ein Durchschlag verantwortlich. Mal sehen ob es ein typischer Snake-Bite war, dann nahm ich lieber gleich den Ersatzschlauch und flickte zu Hause. Ich pumpte den Schlauch etwas auf und drehte ihn im Bach, um die Leckstelle zu lokalisieren. Irgendwie war es hier so düster, daß ich die aufsteigenden Bläschen erst nach der dritten Umdrehung erkennen konnte. Es war tatsächlich ein Durchschlag mit zwei Langlöchern, also stopfte ich den Ersatzschlauch in den Mantel und setzte das Rad wieder ein. Während ich die geschwärzten Finger und stinkigen Handschuhe im Bach wusch, rumpelte es im Hintergrund verdächtig. Ich schob das Bike wieder auf den Weg und schaute nach oben. Jetzt war mir klar, warum es im Bachdickicht so dunkel war. Am Himmel türmten sich die Gewitterwolken so schnell in die Höhe, daß man zuschauen konnte. Ich versuchte mit den noch feuchten Fingern die Windrichtung zu bestimmen, aber es regte sich kein Lüftchen. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Ein Gewitter hatte mir zu meinem Glück noch gefehlt. Warum hatte ich die Wolken bloß nicht eher bemerkt ? Wieder rumpelte es. Diesmal schon ein wenig lauter. Nichts wie nach Hause. Vielleicht schaffte ich es noch dem Unwetter zu entkommen.

Ich strampelte los, aber jetzt ging es ja wieder bergauf und ich kam nur langsam voran. Direkt vor mir braute sich eine wahre Hexenküche zusammen. Die tiefhängenden, grünlich verfärbten Wolken streiften schon die Baumwipfel auf den umliegenden Berghängen. Ein erster Blitz zuckte auf. Im nachfolgenden Donnergrollen wurde mir bewußt, daß ich angesichts der Hitze keine Regenjacke mitgenommen hatte und, daß es hier im Wald keinen vernünftigen Unterstand für mich gab. "Buchen sollst Du suchen" fiel mir ein. Das war einfacher gedacht, als getan. Ringsherum standen nur dumme Fichten, soweit das Auge reichte. Schwer klatschten die ersten Tropfen vor mir in den Staub und ich steuerte eine Fichte am Wegrand an, die besonders dichte und ausladende Äste besaß. Ich war noch nicht ganz darunter, da brach auch schon die Hölle über mich herein. So ein Gewitter im Wald "hautnah" zu erleben ist schon etwas beeindruckender, als die Bildstörungen des Fernsehgerätes im isolierten Wohnzimmer zu Hause. Violette Blitze peitschten so nah vor mir herunter, daß der unmittelbar folgende, trockene Knall des Donners mir fast die Luft nahm. Eine Wasserwand, wie sie die Niagarafälle nicht besser hätten produzieren können, fegte heran, gefolgt von Graupel- und Hagelschwällen. Starke Windböen ließen nicht nur meine Fichte schwanken, als wäre sie aus Gummi. Keine zwei Minuten später stand auch ich im Regen. Das Wasser floß am Stamm herunter und der Weg verwandelte sich von einem Augenblick zum Anderen in einen Bach. Eine kleine Flutwelle rauschte über den ausgehärteten Boden heran. Im Nu war ich klatschnaß.

Jetzt war es auch egal, wann ich weiterfuhr. Hauptsache schnell nach Hause ins Trockene. Ich stieg wieder auf und fuhr gegen die Strömung des gelb-braunen Baches an. Das Wasser rann von meinen Haaren ab, sickerte durch Trikot und Radhose und lief sodann an meinen Beinen herunter, bis in die Schuhe. Der Staub hatte sich in einen zähen Schmier verwandelt, der schmatzend nach den Reifen griff und sie festzuhalten versuchte. Genauso zäh gestaltete sich mein Vorwärtskommen. Am leichtesten ging es noch, wenn ich direkt in den Wasserrinnen fuhr. Die Luft kühlte merklich ab und ich fing trotz der Anstrengung an zu frösteln. Während dieser Minuten hatte ich zwar keine Angst davor, daß mir der Himmel auf den Kopf fiel - der war schon unten -, wohl aber davor, daß ein umstürzender Baum eben solches tat.

Allmählich verzog sich das Gewitter. Die Blitze zuckten wieder in sicherer Entfernung und der Regen ließ etwas nach. In meinen Schuhen quatschte das Wasser und die Decke des teuren Ledersattels begann sich abzulösen. Meine Hoffnung bald zu Hause unter der heißen Dusche stehen zu können, veranlaßte mich, auch weiterhin kräftig in die Pedale zu treten. Aber dieser Anstieg hatte es in sich. Sehr steil und vor allem jetzt schmierig, mußte ich schon sehr viel Kraft aufwenden, um hinaufzukommen. Ohne große Vorwarnung erwischte mich in dieser Situation ein heftiger Krampf in der rechten Wade. Ich schaffte es kaum vom Rad zu kommen und massierte schnell die überlasteten Muskeln durch. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis die Schmerzen endlich verklungen waren. Ich mußte den Rest der Tour wohl doch eine Spur vorsichtiger angehen. Auf einen weiteren Krampf konnte ich gut verzichten. Dafür wurde mir nun noch kälter. In der Ferne hellte es schon wieder auf und die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die Wolkendecke. Als ich endlich oben war, hörte auch der Regen auf. Ich kam auf die wenig glorreiche Idee, das nasse Trikot auszuziehen. Viel wärmer wurde mir dadurch aber auch nicht. Den nächsten Zwangsstopp infolge zugesetzter Schaltung und Reifen, die erstmal von etwa zwei Kilogramm Schlamm und Blättern befreit werden mußten, nutzte ich für einige Aufwärmübungen.

Die unbefestigten Wege glichen jetzt mehr und mehr einer eingeseiften Rutschbahn. Ich hatte eigentlich nur noch ein kleines Stück bis zur Straße zu fahren, da rutschte mir auf einem schrägen Wegstück das Vorderrad weg und ich wälzte mich zum x-ten Male an diesem rabenschwarzen Tag im Dreck. Dabei fiel ich mit der Hüfte genau auf einen kantigen Stein, der für einen wunderhübschen Bluterguß sorgte. Jetzt war ich das Biken wirklich satt. Ich sah aus, als wäre ich durch eine Wildschweinsuhle gerobbt. Ich war nahe dran das Rad nach Hause zu schieben, aber dann wäre ich auch nicht schneller da gewesen.

Die Sonne schien mittlerweile wieder und eine Nachbarfamilie im besten Sonntagsstaat kam aus dem Haus. Während der Vater das blitzblanke Auto aus der Garage setzte, entdeckten mich die Kinder und riefen " Guck mal Mami, wie schmutzig der Onkel ist !". Die Mutter sah mich und schob die Kinder schnell ins Auto. Sicher war sicher. Dreckiges Aussehen und eine dreckige Gesinnung stehen für das deutsche Bürgertum immer noch in festem Zusammenhang. Ganz abzusehen von dem schädigenden Einfluß, den ich auf die Erziehung der Kinder ausübte.

Ich jedenfalls schob das Bike, als ich endlich wieder daheim angekommen war, so wie es war in die Garage und torkelte vollkommen steif und ausgekühlt in Richtung Dusche. Die Erkältung war mir sicher. Der größte Schock aber holte mich später ein, als ich im Bett liegend auf meinem Bike-Computer die Werte der Tour abfragte.

Die Tageskilometerleistung betrug nicht mal 12 Kilometer !

Ich versuchte meine Erlebnisse aus dem Gedächtnis zu löschen, wie die Werte aus dem Bike-Computer. Aber auch das wollte mir an diesem Tag nicht mehr gelingen.


e-mpuls.de: Ähnlichkeiten der Erlebnisse mit denen von noch lebenden oder schon verunglückten Bikern wären rein zufällig und sagen bestimmt nichts darüber aus, ob der Autor tatsächlich ein Loser ist!

Quelle: http://www.e-mpuls.de/bikes/emp-bikes600.htm

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